Was jetzt? Fleischfresser oder Allesfresser?

In Deutschland leben rund 10 Millionen Hunde – 10 Millionen Hunde, die gefüttert werden müssen. Wie sie gefüttert werden sollten, darüber herrscht Uneinigkeit. Fleischfresser oder Allesfresser?

Während die einen glauben, dass der Hund sich an der Seite des Menschen weiterentwickelt hat, denken andere, er wäre ein Wolf geblieben und wollen ihn auch so füttern.

Back to „nature“?

Natur ist gerade Trend und damit scheint es für viele eine gute Idee zu sein, den Hund zu seinen „natürlichen Wurzeln“ zurückzuführen. Der Wolf macht sich gut auf der Futterverpackung, Begriffe wie „Wahre Natur“, „Wildnis“ und ähnliches suggerieren, man würde dem Hund endlich wieder geben, was er WIRKLICH braucht …

Wieso entlassen wir die Hunde dann nicht einfach wieder in die Wildnis und nehmen ihnen Halsbänder, Leinen, Schlafkörbchen, Hundemantel, etc. weg, damit sie endlich wieder ihrer Natur entsprechend leben können?

Man stelle sich vor, 10 Millionen Hunde in Deutschland, die sich aufmachen würden, die deutschen Wälder zu erobern. Keiner mehr da, der ihnen ihre Futterdose aufmacht. Futterdose?? Nix da, Selbstversorgung angesagt, der Chihuahua müsste ebenso wie die Dogge selber gucken, wie er an Nahrung kommt. Ob der da lange überleben würde?

Abgesehen davon, dass ihm spätestens im Winter sehr kalt werden würde, wovon soll er leben? Bei seiner Anatomie ist es ja schon fraglich, wie er eine ganze Maus fressen soll. Aber natürlich, auch der Chihuahua stammt vom Wolf ab und ist ein Fleischfresser. Nur welches Fleisch?

Hunde können Stärke verdauen!

2013 sorgte eine Studie des Forschers Erik Axelsson für Aufsehen. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Hunde im Laufe ihrer Domestikation durch die Anpassung an eine stärkehaltige Ernährung einen evolutionären Vorteil hatten. 2014 gab es eine weitere Studie in diese Richtung, aus der man schlussfolgerte, dass die durchschnittliche Fähigkeit zur Verdauung von Stärke bei Hunderassen variiert. Eine weitere Studie 2016 zeigte, dass die Anzahl der Genkopien für Amylase, dem stärkespaltende Enzym, auch beim Hund mit der prähistorischen Landwirtschaft korrelierte.

Dort, wo Ackerbau und Viehwirtschaft eine Rolle spielten, haben bei Hunden wie auch bei Menschen entsprechende Anpassungen an die Ernährung mit stärkehaltigen Nahrungsmitteln wie Getreide stattgefunden. Isso.

Was brachte uns der Ackerbau?

In seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ beschreibt der Professor für Geschichte Yuval Noah Harari, wie die landwirtschaftliche Revolution vor rund 10.000 Jahren zwar nicht unbedingt zu einer gesünderen Ernährung der Menschen führte, allerdings zu einer Explosion der Bevölkerung, da die Gesamtmenge der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel zunahm.

Das Fortpflanzungsverhalten passt sich nämlich den zur Verfügung stehenden Ressourcen an und nicht der gesündesten Nahrungsform.

Wer sich anpasst, erhält und verbreitet seine Art!

Laut WWF gibt es weltweit weniger als 200.000 Wölfe, dagegen stehen laut einer Schätzung der World Society for the Protection of Animals mehr als 300 Millionen Straßenhunde. Die „Währung“ der Evolution ist DNA, es geht um Erhaltung und Verbreitung der Art.

Straßenhunde leben von den Resten, also dem „Müll“ der Menschen und haben damit ihre ökologische, sehr gut funktionierende Nische gefunden. Würden die Straßenhunde darauf bestehen, ein Fleischfresser zu sein, dürfte sich ihre Ernährung als recht schwierig erweisen. Vor allem diese freilebenden Hunde hätten dann wenig Aussicht auf erfolgreiche Fortpflanzung.

Wen man bedenkt, dass wir weltweit ein Problem mit Überpopulation der Straßenhunde haben, wäre die Idee, aus diesen Hunden wieder Fleischfresser zu machen, dann wiederum vielleicht doch nicht so schlecht…

Fleisch gibt es eigentlich (!) nicht in Massen!

Im Laufe der Geschichte ist diese Entwicklung, also dass der Verdauungstrakt vieler Hunde „gelernt“ hat, Stärke zu verdauen, ein evolutionärer Vorteil gewesen. Kaum jemand kann sich heute in unserem Überfluss vorstellen, dass Fleisch einmal ein Luxusnahrungsmittel war. Es war nicht etwas, dass einem in Massen zu Verfügung stand und entsprechend wertvoll für die Menschen.

Auch wenn mancher Hund seinen Speiseplan durch selbsterjagtes Kleingetier aufwerten konnte, muss man davon ausgehen, dass in unseren Breitengraden die wenigsten Hunde viel Fleisch bekamen. Hätte der Hund sich nicht entsprechend angepasst, gäbe es ihn heute vielleicht gar nicht mehr. Sicher gäbe es nicht so viele Straßenhunde weltweit…

Stellen wir uns doch einfach einmal vor, wir wollten alleine in Deutschland 10 Millionen Hunde barfen. Das ist eine stattliche Menge Fleisch, die wir dafür benötigen würden. Nicht, dass im Fertigfutter mittlerweile nicht auch viel zu viel Fleisch verarbeitet wird. Das Barfen erwähne ich jetzt deshalb, weil es am stärksten mit dem Ursprung des Hundes als Wolf in Verbindung gebracht wird.

Alle Hunde barfen, das würde natürlich nur mit der Massentierhaltung funktionieren und damit wären die Hundehalter dann von dieser abhängig, um ihren Hund „naturnah“ zu versorgen.

Massentierhaltung und naturnah, das ist ja nun schon mal ein sehr großer Widerspruch in sich. Aber nicht nur das, es wäre wohl auch nicht mehr damit getan, dass man sich mit den Resten begnügt. Nein, damit käme man nicht mehr hin, es müssten extra für die Hunde Tiere geschlachtet werden. Hinzu kommt, dass wir (eigentlich) zum Glück in einer Trendwende stecken, die Deutschen wollen wieder weniger Fleisch essen, woraus man sich natürlich erhofft, dass die Fleischproduktion zurückgehen wird.

Wollen wir die wieder hochfahren, damit der Hund wie ein Wolf fressen kann?

Und wieso hat der Hund dann ein Fleischfressergebiss?

Gerne als Argument dafür, dass der Hund viel Fleisch fressen müsste, wird sein Gebiss angeführt. Warum hat der Hund nach wie vor ein Raubtiergebiss, wenn er das doch gar nicht braucht?

Doch, natürlich benötigt der Hund sein Fleischfressergebiss auch weiterhin. Der Hund als Opportunist, der nimmt, was er bekommen kann, nimmt ja auch tierische Bestandteile an. Es macht Sinn, dass er auch weiterhin die Möglichkeit hat, große Fleischbrocken, Knochen, Kleintiere mit seinem Gebiss zu zerkleinern. Mit Messer und Gabel kann er nun mal nicht gut umgehen.

Das schließt aber trotzdem nicht aus, dass auch pflanzliche Nahrungsmittel für den Hund geeignet sind. Dafür hat er im hinteren Teil seines Gebisses z. B. auch sogenannte bunodonte Molaren, die ein gewisses Quetschen und Mahlen von pflanzlichen Nahrungsmitteln erlauben, auch wenn er das natürlich trotzdem nicht so gut kann, wie z. B. eine Kuh.

Muss er aber auch nicht, er hat sich ja darauf spezialisiert, unsere Reste zu vertilgen, was bedeutet, es handelt sich in den meisten Fällen um verarbeitete (gekochte) Nahrungsmittel.

Sein Verdauungstrakt ist wie der vom Fleischfresser Wolf!?

… heißt es oft. Ist das so? Schauen wir uns ein paar weitere Faktoren etwas näher an…

Beispiel 1 – Eigensynthese von Vitamin C

Der Hund ist (typisch für Fleischfresser, jedoch auch für Pflanzenfresser wie Pferde und die meisten Ratten, die ja bekanntlich Allesfresser sind) in der Lage, in seiner Leber selber Vitamin C herzustellen. Auch wir Menschen waren dazu vor langer Zeit in der Lage. Als der Organismus aber „verstanden“ hat, dass über die pflanzlichen Nahrungsmittel ausreichend Vitamin C geliefert wird, hat er diese „Arbeit“ eingestellt.

Ob der Hund diese Fähigkeit in gleichem Maß weiterhin beherrscht, wie z. B. der Wolf, kann man durchaus dahingestellt lassen. Zwar ist  beim Hund kein „klassischer“ Vitamin-C-Mangel bekannt, jedoch hat man durchaus festgestellt, dass bei einzelnen Tieren die Eigensynthese möglicherweise nicht ausreicht oder der Bedarf durch diverse Faktoren so stark erhöht sein kann, dass die Eigensynthese ebenfalls nicht ausreicht.

So oder so macht es durchaus Sinn, dass Hunde das benötigte Vitamin C weiterhin selber herstellen können. Vitamin C ist flüchtig und wird auch durch Erhitzung zerstört. Schaut man z. B. die Straßenhunde an, die sich nicht gerade von frischen Nahrungsmitteln ernähren, welche dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr viel Vitamin C enthalten, ist es durchaus sinnvoll, dass sie davon nicht abhängig sind und ihr eigenes Vitamin C herstellen können.

Beispiel 2 – keine Amylase im Speichel

Hunde hätten im Gegensatz zu uns Menschen in ihrem Speichel keine Amylase, ein Enzym, das Stärke spaltet. Viele halten das für ein sicheres Indiz dafür, dass Getreide etc. für den Hund nicht wirklich gut ist, im Gegensatz zu Fleisch.

Bei uns Menschen beginnt die Verdauung von Kohlenhydraten mithilfe genannter Amylase schon im Mund. Genau genommen, wenn wir kauen, lange kauen, fängt die Amylase an zu arbeiten.

Und? Kaut der Hund lange auf den pflanzlichen Nahrungsmitteln herum?

Nein, er ist ein Schlingfresser. Für ihn ist es nach wie vor wichtig, sich in kurzer Zeit viel Futter einzuverleiben, denn wer weiß schon als Straßenhund, wann die nächste Mahlzeit um die Ecke kommt, bzw. im Müll gefunden wird.

Wie bei den meisten Säugetieren verbleibt die Nahrung auch beim Hund nicht lange genug im Maul, dass die Amylase anfangen könnte, die Kohlenhydrate aufzuspalten. Die Amylase kann also allenfalls mit Anwesenheit.

Tatsächlich geht aus einer recht neuen Studie hervor, dass Hunde durchaus Amylase im Speichel haben, diese jedoch nicht so arbeitet wie z. B. im menschlichen Speichel. Zudem vermuten die Wissenschaftler, dass die Hauptaufgabe der Amylase im Speichel gar nicht die erste Aufspaltung von Kohlenhydraten im Sinne von Verdauung ist, sondern der Zweck darin besteht, ein energiereiches Nahrungsmittel am Geschmack zu erkennen. Wir alle kennen das, wenn man z. B. Brot länger kaut, schmeckt es süß. Dies könnte für uns Menschen einen evolutionären Vorteil bedeutet haben.

Beispiel 3 – kurzer Verdauungstrakt

Der Hund habe doch so einen kurzen Verdauungstrakt, hört man häufig. Das wäre doch ein sicheres Merkmal dafür, dass pflanzliche Nahrungsmittel nicht gut verwertet werden könnten.

Zunächst einmal ist ein maßgeblicher Faktor nicht die Länge des Verdauungstraktes ans sich, sondern das Verhältnis dieser Länge zur Körpergröße. Ansonsten müssten ja alle kleinen Tiere Fleischfresser sein, da sie – genau – klein sind. Da man Äpfel auch nicht mit Birnen vergleichen kann, macht es wenig Sinn, den Verdauungstrakt eines Fleischfressers mit dem eines reinen (!!) Pflanzenfresser zu vergleichen, was jedoch gerne getan wird.

Klar, der Verdauungstrakt einer Kuh ist natürlich echt lang, bzw. das Verhältnis davon zur Körpergröße groß. Wir wollen den Hund ja aber gar nicht zum Pflanzenfresser machen, er hat sich lediglich als Allesfresser etabliert. Und das wiederum kann man auch gut an dem genannten Verhältnis erkennen:

  • Schaf (Pflanzenfresser) 24:1
  • Mensch 6:1
  • Hund 6:1
  • Katze (Fleischfresser) 4:1

Am nächsten ist der Hund eindeutig beim Allesfresser Mensch, nicht beim Fleischfresser Katze.

Der Hund braucht aber doch Fleisch!!!

Tatsächlich?? Nein. Der Hund benötigt kein Fleisch, er benötigt Proteine.

Sein Organismus benötigt die im Fleisch enthaltenen Proteine, damit er seinen vielen wichtigen Aufgaben nachkommen kann. Proteine sind z. B. unter den Nährstoffen die einzigen „Baustofflieferanten“, was sie im Wachstum natürlich besonders wichtig macht.

Zwar enthalten auch pflanzliche Nahrungsmittel Proteine, diese sind jedoch anders zusammengebaut, als die tierischen. Die tierischen ähneln den körpereigenen Proteinen von Tieren nun mal am ehesten. Deshalb sind für Menschen (sind ja auch Tiere!) sowie z. B. auch Hunde tierische Proteine wertvoller als pflanzliche, man sagt, sie haben eine höhere biologische Wertigkeit. So einfach ist das.

Lassen wir die Kirche im Dorf, bzw. dem Hund sein „Menschsein“ …

Hunde leben nun mal mit uns Menschen. Ohne die Menschen würde es keine Hunde geben. Wieso sollte alles andere sich vom Wolf zum Hund verändert haben, nur seine Ernährung nicht? Wölfe haben sich nicht an den Menschen angepasst, Hunde schon. Deshalb gibt es weltweit weniger als 200.000 Wölfe aber geschätzt 500 Millionen Hunde.

Es mag sinnvoll sein, den Hund wieder zum Wolf zu machen, wenn wir seine Population eindämmen wollen, das könnte dann durchaus klappen …

Wollen wir das???… Und wenn nicht?

Der Hund gehört zum Menschen wie kein anderes Tier und sein Erfolg liegt in seiner enormen Anpassungsfähigkeit begründet. Wieso in aller Welt sollten wir ihm diese ausgerechnet beim Futter, einem elementaren Faktor für die Arterhaltung, streitig machen?

Statt verallgemeinernd nach „Non-Plus-Ultra“ Wegen zu suchen, wäre es viel sinnvoller, den Hund individuell auch im Hinblick auf seine Geschichte und Herkunft zu betrachten und dann zu entscheiden, was im Futternapf des Hunde wirklich Sinn machen könnte.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Prof. Kurt Kotrschal, dem Mitbegründer des Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn, 2010 zum Wissenschaftler des Jahres ernannt und Autor von mehreren Bücher über die Thematik Wolf/Hund/Mensch, eins davon wurde 2013 sogar als Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet:

„Es ist zwar gut gemeint, den Hund zu ernähren, wie einen Wolf, weil er ja schließlich von diesem abstammt; aber eigentlich ist dies angesichts der genetischen Veränderungen von Menschen und Hunden in den letzten 15000 Jahren eine Themenverfehlung.“

Du willst noch mehr dazu wissen? Hier kannst du weiterlesen:

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