Finde deine Mitte

Hast du dir schon einmal angeschaut, wie ein Pendel funktioniert? Wird es angestoßen, pendelt es von einem Extrem ins andere, bis es sich irgendwann beruhigt und wieder in der Mitte ankommt, dort wo die Kräfte dann ausgeglichen sind. Die Mitte ist also der „Ruhepol“.

Keine Sorge, es soll hier jetzt nicht „mystisch“ werden oder „spirituell“. Trotzdem zeigt das Pendel sehr gut, dass vieles, was wir heute tun, nicht mehr mit einer „natürlichen Mitte“ im Einklang ist. Viele Menschen befinden sich in extremen Zuständen. Das ist immer dann der Fall, wenn man eine Sache oder Sichtweise mit extremem Eifer verfolgt und dabei den Blick für das große Ganze verliert.

Auch im Bereich Hundeernährung haben wir es heute mit vielen Extremen zu tun. Die einen füttern ausschließlich Fertigfutter und denken, „normale“ Nahrungsmittel wären für den Hund so etwas wie Gift, die nächsten füttern den Hund vegan weil man keine Tiere töten darf, andere ausschließlich roh, weil sie meinen, alles gekochte wäre tot und schlecht, andere meiden alles, was irgendwie verarbeitet wurde wie die Pest, da sie den Hundeorganismus für unfähig halten, diese Komponenten zu verwerten und wieder andere glauben, der Hund bleibt nur mit Unmengen Fleisch gesund, da er ja vor vielen tausenden Jahren ein Wolf war. Lauter Extreme.

Natürlich haben wir diese Umstände an erster Stelle unserem Reichtum zu verdanken. Sich solche Gedanken machen zu können, setzt voraus, dass man sich das leisten kann.

Niemand, der um sein tägliches Brot kämpfen muss, wird den Hundefutternapf mit lauter veganen Zutaten füllen, die er irgendwo teuer einkaufen muss. Niemand, der vielleicht einmal die Woche Fleisch auf seinem Teller hat (wenn überhaupt), wird sich Gedanken machen, dass sein Hund aber jeden Tag Fleisch benötigt. Niemand, der kein Geld für teureres Fertigfutter hat (oder sogar keine Möglichkeit, das überhaupt zu besorgen) wird ernsthaft daran zweifeln, dass seine Essensreste eine gute Hundeernährung darstellen.

Deutschland zählt zu den reichsten Ländern der Welt, wir können es uns leisten, aus der Ernährung eine „Religion“ zu machen.

Extreme sind nicht zielführend!

Es ist ganz leicht, den einzelnen extremen Richtungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Man muss nur ein extremes Modell auf die Masse umlegen, dann wird ganz schnell klar, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Schauen wir uns ein paar Einzelmodelle an …

Vegane Hundeernährung

Auf die Idee, einen Hund vegan zu ernähren, kommt man in der Regel, weil man dafür ethische und moralische Gründe hat. Meist steht dahinter, dass man kein Tier töten, essen, füttern möchte, weil man denkt, das wäre nicht in Ordnung.

Was aber wäre, wenn ALLE Menschen weltweit sich selber und entsprechend auch alle ihre Haustiere vegan ernähren würden (müssten, da es dann ja keine tierischen Produkte mehr gäbe!)? Das würde nicht funktionieren. 2016 haben Forscher herausgefunden, dass eine weltweite vegane Ernährung zu großer Lebensmittelknappheit führen würde*.

Dass Tiere andere Tiere (fr)essen ist auch in der Natur eine ganz normale Angelegenheit. Fressen oder gefressen werden ist ein Naturgesetz.

Barfen

Im Prinzip muss man hier jetzt gar nicht mehr viel sagen, Barfen ist nämlich für die Masse genauso praxisuntauglich wie vegan.

Wenn man davon ausgeht, dass der Fleischkonsum weltweit (allen voran natürlich in den reichen Ländern!) stark eingeschränkt werden muss und wird (die genannten Forscher haben ebenfalls festgestellt, dass eine fleischreiche Ernährung zu großer Lebensmittelknappheit führt), ist direkt klar, dass Barfen nur als Ausnahmeerscheinung funktioniert.

Würden ALLE Hundehalter auf die Idee kommen, ihren Hund ab sofort zu barfen, wäre Schluss mit Lustig … äh barfen. Funktioniert nicht, heute wahrscheinlich schon nicht, in Zukunft erst recht nicht.

Zudem würde man so erreichen, dass unsere Haushunde zu recht unbeliebten Zeitgenossen werden würden. Die Menschen sollen verzichten, während den Hunden das Fleisch hinterhergeworfen wird? Nur eine Frage der Zeit, bis sich immer mehr Menschen gegen Hundehaltung aussprechen würden …

Fertigfutter

Die meisten Hunde hier bei uns werden heute mit Fertigfutter ernährt. Auch wenn das manch einer nicht glauben mag, der einer extremen Überzeugung folgt, ist es dennoch eine Tatsache. Einer Statistik** zufolge wurden 2017 in Deutschland 445 Millionen Euro mit Feuchtfutter (gestiegen um rund 3%) umgesetzt, 426 Millionen Euro mit Trockenfutter (stabil seit Jahren). Nach wie vor werden wohl rund 80% der Hunde mit Fertigfutter versorgt.

Auch wenn das nach Masse aussieht, ist es nicht unbedingt massentauglich. Zum einen sieht man bei diesen Zahlen nicht, wie viele dieser Hunde zusätzlich mit Essensresten oder anderen frischen Komponenten versorgt werden. Zum anderen sind das nur Zahlen für unser reiches Land.

Vor allem in ärmeren Ländern können viele Menschen es sich aber gar nicht leisten, extra für den Hund ein Futter zu kaufen. Dort werden die Hunde mit Resten versorgt, oft können sie ihren Speiseplan durch das ein oder andere erjagte Kleintier noch etwas anreichern.

Als weltweites Modell für die Hundeernährung ist Fertigfutter also eher auch nicht zu gebrauchen. Hinzu kommen die individuellen Parameter wie Krankheiten, Verträglichkeit, Vorlieben, etc.

Fazit: Wie man also sieht, würde man das einzelne Modell auf die große Masse umlegen, funktioniert es plötzlich nicht mehr. Die Wahrheit findet man wie immer in der Mitte.

Individualität zählt!

Natürlich muss an erster Stelle jeder nach seinen eigenen und individuellen Parametern eine Entscheidung treffen. Was kann man sich leisten? Was steht einem zur Verfügung? Was kann oder möchte man an Zeit und Energie für Einkauf, Zubereitung, etc. aufwenden? Was mag und verträgt der Hund?

Bitte nicht missionieren!

Unter diesen Aspekten ist es natürlich völlig in Ordnung, eine Entscheidung zu treffen, die vielleicht auch in eine extreme Richtung geht. Man darf und sollte dabei jedoch nie vergessen, dass man diese Entscheidung für sich ganz alleine trifft. Für den Hund der Nachbarin, der aus Rumänien stammt und dort mit Resten gefüttert wurde, ist das eigene Konzept vielleicht alles andere als zielführend.

Individualität zählt nicht!

Wenn jeder nur an sich denkt, kommen wir natürlich nicht wirklich weiter. Dann sind wir eine Ansammlung von egoistischen Menschen, die allesamt nur ihr eigenes Wohl im Sinn haben …

Die oben schon genannten Forscher sind zu dem Ergebnis gekommen, dass mit einer lakto-vegetarischen Ernährung die Chancen nicht schlecht stünden, alle Menschen auf der Erde zu ernähren. Es geht nicht um einen einzelnen, sondern um ALLE.

In einer Kommission haben 37 Experten aus 16 Ländern und aus verschiedenen Disziplinen 2 Jahre lang den aktuellen Forschungsstand zur Welternährung zusammengetragen und die Ergebnisse Anfang 2019 vorgestellt***. Ein Wechsel sei dringend notwendig, schreiben die Autoren: 3 Milliarden Menschen weltweit seien fehlernährt. Wie eine gesunde und nachhaltige Ernährung für alle aussehen könnte, haben die Autoren genau berechnet.

Prozentual gesehen empfehlen sie ungefähr:

  • 20% Vollkorn-Produkte
  • 25% Gemüse, 15% Obst
  • 20% Milchprodukte
  • 3% Fleisch
  • 2% Fisch
  • 10% Hülsenfrüchte und Nüsse
  • 3% ungesättigte Fettsäuren
  • 2% Zucker und andere Süßungsmittel

Eine solche menschliche Ernährung, mit entsprechend angepassten Produktionswegen würde es z. B. schlicht und ergreifend unmöglich machen, einen Hund zu barfen und zudem sehr gut verdeutlichen, wie eng die Hundeernährung an die menschliche Ernährung gekoppelt ist.

Finde deine Mitte!

Viele Aspekte spielen bei der Entscheidung, wie man die Hunde ernähren möchte, eine Rolle. Natürlich kann man dabei nicht vor der eigenen Haustür halt machen, man muss auch einen Blick auf das „große Ganze“ werfen. Dabei wird man immer wieder feststellen, dass Extreme irgendwann in eine Sackgasse führen.

Andererseits kann es sehr „entspannend“ wirken, wenn man sein Modell im Geiste auf die Masse projiziert. Wie das Pendel, das sich an der Schwerkraft orientiert, um in seine Mitte zurückzufinden, können auch wir uns daran orientieren, was für die Allgemeinheit zielführend oder praktikabel ist. Extreme sind dann ganz schnell vom Tisch oder eben aus dem Futternapf verschwunden.

Und auch, wenn wir ES richtig machen wollen, wenn wir wichtige Faktoren berücksichtigen wollen, wie z. B. Nachhaltigkeit, ist es eher zielführend nicht in Extreme zu kippen, sondern einen Mittelweg zu finden. Bloggerin Anne Marie Bonneau hat es in ihrem Zitat auf die Verschwendung bezogen („We don’t need a handful of people doing zero waste perfectly. We need millions of people doing it imperfectly“). Ich meine:

Quellen:
* https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/welternaehrung-vegane-ernaehrung-ist-nicht-zielfuehrend-9596970.html
** https://www.ivh-online.de/der-verband/daten-fakten.html
*** https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4907597

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2 Kommentare

  1. So toll geschrieben in jeder Beziehung! Wie Du schreibst und was.
    Ich bin ganz bei Dir, bei dem, was Du sagt. Vielen Dank dafür!
    Und ganz viele Frühlingsgrüße, Anja mit Gyda

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